Das Oldenburgische Staatstheater

von Wiebke Dreeßen

Das Oldenburgische Staatstheater wurde auf bürgerliche Initiative 1833 gegründet. Es entstand aus privaten Mitteln ein erstes bescheidenes „Comedienhaus“ aus Holz in den nach erfolgter Schleifung der Stadtbefestigung entstandenen Wallanlagen westlich der Altstadt. Im Zuge des klassizistischen Ausbaus des Theaterwalls 1842 wurde es Großherzogliches Hoftheater und erhielt im Sinne des städtebaulichen und baulichen Konzeptes vermutlich nach Entwürfen von H. Strack eine klassizistische, vorgeblendete Putzfassade aus Ziegelmauerwerk. Dieses zurückhaltende Gebäude diente dann fast vier Jahrzehnte als Hoftheater. In den Jahren 1879–81 wurde dann in  Zusammenhang mit der Anlage eines großbürgerlichen Wohnviertels westlich der Oldenburger Altstadt und einem gesteigerten Repräsentationsbedürfnis nach Plänen des Hofbaumeisters Gerhard Schnitger (1841–1917) ein städtebaulich dominierender Theaterbau mit Säulenportikus, oberem Giebelabschluss und dreifach gegliederter Schaufassade in „italienischer Renaissance“ errichtet. Er wurde Vorbild für das ebenfalls von Schnitger errichtete Göttinger Theater (1889/90). Der Oldenburger Bau wurde jedoch schon zehn Jahre später im November 1891 durch einen Brand weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte umgehend in den Jahren 1891–93 unter der Leitung des Oldenburger Stadtbaumeisters Franz Noack nach Plänen des in Lausigk/Sachsen geborenen Architekten Paul Moritz Zimmer (1861–1911). Dieser hatte seine Ausbildung in Dresden erhalten und war ab 1886 als Architekt in Mannheim, Ludwigshafen, Leipzig und Chemnitz tätig, wo nach seinem Entwurf von 1889–91 das Rathaus am Beckerplatz in historistischen Formen errichtet wurde. Aufgrund seiner Beziehungen zur Stadtverwaltung in Chemnitz gelang es Noack, Paul Zimmer für den Wiederaufbau des Oldenburger „Großherzoglichen Theaters“ für die Zeit vom 21.03.1892 bis zum 01.12.1893 einzustellen.

Paul Zimmer orientierte sich im Wesentlichen an dem Entwurf von Schnitger. Drei Gebäudegruppen werden durch den gemeinsamen Unterbau aus rustiziertem Sockel- und Erdgeschoss zusammengefügt. Im Westen ragt das durch Blindfenster gegliederte Bühnenhaus auf, seitlich begleitet von niedrigeren, dreiachsigen Flügelbauten. Die Gestaltung der das Straßenbild des Theaterwalls bestimmenden laternenbekrönten Gratkuppel über dem Bühnenhaus anstelle eines ursprünglich abgeflachten Walms geht auf Paul Zimmer zurück. Nach Osten schließt sich das  Zuschauerhaus an, dessen durch eine Balustrade abgeschlossenes Obergeschoss in gleichförmiger Reihung von Rundbogenfenstern zwischen korinthischen Pilastern gestaltet ist. Schließlich folgt der Foyerbau mit einachsigen, ursprünglich die Treppenhäuser aufnehmenden Seitenrisaliten, dem im Obergeschoss zum Theaterwall ein pfeilergerahmter Portikus mit vier korinthischen Säulen vorgelegt ist. Der historische Zugang über eine breite Vordertreppe musste 1959 zugunsten einer Verbreiterung der Straße „Theaterwall“ abgebrochen werden. Die Seiteneingänge wurden im Zuge eines nördlichen Foyeranbaus 1973/74 beseitigt.

Der Zuschauerraum weist einen hufeisenförmigen Grundriss mit Parkett und drei Rängen auf, die Bühne ist beidseitig durch je vier Proszeniumslogen gerahmt. Paul Zimmer gestaltete die Innenraumausstattung abweichend von der ursprünglichen Renaissancefassung in üppigem Neo-Rokoko-Dekor. Die Emporenbrüstungen der Ränge, die Logen sowie die Decke sind aufwendig mit ornamentalem und figürlichem Stuck verziert, der von dem Oldenburger Bildhauer und Hofmodelleur Heinrich Boschen gefertigt wurde. Während die ersten beiden Ränge jeweils auf zehn Säulen ruhen, nehmen im dritten Rang zehn Pfeiler die Gliederung auf und leiten von den zwischen ihnen gespannten Kappen und stuckierten Pendentifs zur mit Stuck und eingefassten auf den Putz gemalten Bildfeldern ausgestalteten Decke über, die von einem zentralen Kronleuchter betont wird. Die von dem Oldenburger Hof- und Theatermaler Wilhelm Mohrmann ausgeführte ursprüngliche Raumfassung in gebrochenen Weißtönen mit üppiger Goldbronzierung ist erhalten, wurde jedoch in einigen Fällen im Laufe der Zeit zum Teil mehrfach überfasst. Die  Rückwände des Parketts und der ersten beiden Ränge wiesen eine rote Bespannung auf, die durch rotfarbene Anstriche ersetzt wurde. Gestühl und Brüstungsbespannung waren ebenfalls in Rot gehalten.

In einer großen Baumaßnahme 2009 bis 2011 wurde eine dringend notwendige technische und energetische Sanierung des historischen Hauses durchgeführt. Dabei wurde die Obermaschinerie erneuert und modifiziert und die gesamte Elektrik und Wasserversorgung auf den neuesten Stand gebracht. Der Orchestergraben entsprach in seiner Grundfläche nicht mehr den Lärmvorschriften und musste vergrößert werden.

Durch Bereitstellung zusätzlicher Mittel aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm II des Bundes gelang es, in diesem Zusammenhang auch den historischen Zuschauerraum, für den ansonsten nur notwendigste Sicherungs- und Ausbesserungsarbeiten am Stuck vorgesehen waren, umfassend auf der Grundlage eingehender restauratorischer  Befunduntersuchungen zu restaurieren und die Erstfassung des späten 19. Jahrhunderts mit üppiger Gestaltung und dennoch zurückhaltender Eleganz wiederherzustellen. Die originalen Deckenmalereien und marouflierten Leinwandgemälde wurden gesichert und gereinigt.

Die in unmittelbarer Nachbarschaft in den Wallanlagen 1866/67 erbaute Cäcilienschule, die seit 1973 als Probehaus für das Theater und das Orchester genutzt wurde, erhielt einen Erweiterungsbau mit Probebühnen für Schauspiel und Tanz, der hinsichtlich der erforderlichen Größe und des Standortes eine planerische Herausforderung im Umgebungsbereich der ausgewiesenen Baudenkmale darstellte.


Das Oldenburgische Staatstheater im Denkmalatlas Niedersachsen



Der Text wurde erstmals veröffentlicht in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 37. Jg. (2017), Heft 2, S. 66-67.

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