Die Insel Wangerooge

Von Birte Rogacki-Thiemann

Wangerooge ist die östlichste der sieben ostfriesischen Inseln. Nach Osten liegt sie jedoch nicht offen im Meer, sondern ist durch das Seegatt Blaue Balje von der unbewohnten Insel Minsener Oog getrennt. „Oog“ ist bekanntermaßen das friesische Wort für „Eiland/Insel“ und ist entsprechend das Suffix mehrerer Nordseeinseln. Wangerooge heißt übersetzt „Wiesen-Insel“, was sich im Landschaftsbild durchaus ablesen lässt, wobei die Benennung eigentlich auf den alten friesischen Gau Wanga und das Wangerland (Wiesenland) zurückgeht, dem die Insel vorgelagert ist. Der Name Wangerooge, der erst seit 1885 offiziell besteht, bedeutet somit „die zum Wangerland gehörende Insel“. (Das den Eigennamen abschließende „e“ kam 1885 hinzu und geht auf einen Erlass des Großherzogtums Oldenburg zurück – gegen den Widerspruch der Inselbewohner.) Wangerooge ist mit knapp acht Quadratkilometern Fläche nach Baltrum die zweitkleinste der ostfriesischen Inseln und die einzige, die historisch nicht zum Territorium der Grafschaft Ostfriesland gehörte, sondern Teil der ehemaligen Herrschaft Jever war und somit der friesischen Gebiete des Großherzogtums Oldenburg bzw. des späteren Landes Oldenburg.

Wangerooge wurde erstmals 1306 in einem Vertrag über Strandrechtsfragen zwischen der Stadt Bremen und dem Gau Östringen urkundlich erwähnt, hier als „Wangarou“. Seit dem Mittelalter wird das Gebiet nördlich von Jever, im Dreieck der Orte Harlesiel, Schillig und Hooksiel einschließlich der Insel Wangerooge als „Wangerland“ bezeichnet – dieser Name ist bis heute in der auf dem Festland liegenden Großgemeinde Wangerland überkommen – Wangerooge selbst gehört heute jedoch als Einheitsgemeinde zum Landkreis Friesland.

1804 legte Friederike Auguste Sophie zu Anhalt-Zerbst den Grundstein für den Tourismus und machte Wangerooge zum Seebad: Als Landesherrin der Herrschaft Jever stiftete sie symbolisch einen Badekarren, der verstärkt erst nach den napoleonischen Kriegen ab 1818 zum Einsatz kam – bereits 1823 sind für Wangerooge fast 1.800 Badegäste nachweisbar.

Stärker als alle anderen ostfriesischen Inseln ist Wangerooge eine vom Menschen geformte Insel mit stabiler Lage und Form, was auf aufwändige Inselschutzmaßnahmen zurückzuführen ist, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurden und ohne die die Insel wahrscheinlich längst in die Jadeströmung gewandert wäre. Nach den schweren neuzeitlichen Fluten von 1570 und 1717 (Allerheiligenflut und Weihnachtsflut) wurde Wangerooge bei der verheerenden Neujahrsflut 1855 in drei Teile gerissen und das alte Inseldorf im Westen (um die alte Nikolaikirche, an deren Stelle heute der Westturm steht) fast vollständig zerstört. Die Regierung in Oldenburg siedelte in direkter Folge der großen Zerstörungen die meisten Wangerooger Inselbewohner anschließend an verschiedenen Stellen auf dem Festland an. Die in dieser Zeit neu gegründete Siedlung Schillhörn wurde teilweise aus Abbruchmaterial von Wangerooger Inselhäusern errichtet, und in Varel am Hafen gibt es noch heute die entsprechenden Lagebezeichnungen „Neu-Wangerooger Straße“ und „Neu-Wangerooger Graben“ etc. Einige Insulaner weigerten sich jedoch, die verwüstete Insel zu verlassen und gründeten 1865 ein neues Inseldorf im damaligen Osten der Insel am 1856 fertiggestellten Alten Leuchtturm, das bis heute den Ortskern bildet.

Als die Preußische Marine mit Wilhelmshaven ab 1853 einen Kriegshafen an der Nordsee auszubauen begann, wurden zur Gründung des Deutschen Reichs 1871 auch über eine Million Mark für den Inselschutz ausgegeben – und Wangerooge ist die Insel, die Wilhelmshaven am nächsten liegt. So wurden zunächst die drei Teile der bis dahin auseinandergerissenen Insel 1874 durch den Reichsdeich und die Reichsmauer miteinander verbunden. Besonders gefährdet ist bis heute die Abbruchkante im Nordwesten, wo bereits im 19. Jahrhundert stabilisierende Deckwerke angelegt wurden, die bis heute erhalten sind. Nach Osten wurden Deiche und Buhnen zur Verstärkung gebaut, die gleichzeitig die Abdrift von Sandmassen in das Jadefahrwasser und damit in die Schifffahrtsrinne zum Kriegshafen verhinderten. Dem gleichen Zweck dienten auch die östlich anschließenden Buhnenbauwerke der Minsener Oog.

Die militärische Bedeutung der Insel Wangerooge begründete sich damit also bereits Mitte des 19. Jahrhunderts und auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg war Wangerooge aufgrund der Nähe zum Jadebusen und zu Wilhelmshaven militärisch die wichtigste der ostfriesischen Inseln. 1914 wurde mit der Jadekaserne sogar eine eigene Kasernenanlage errichtet. Bis zu 5000 Mann der Marineartillerie, der Luftabwehr und der Luftwaffe waren während des Zweiten Weltkriegs auf Wangerooge als Vorposten der Luftverteidigung gegen die auf Deutschland anfliegenden alliierten Bomberverbände stationiert und hunderte von Bunkern wurden mithilfe von Zwangsarbeitern errichtet. Dies führte letztlich dazu, dass die Insel 1945 durch massive Bombenangriffe in großen Teilen erneut zerstört wurde.

Die rund 45 erhaltenen Denkmale der Insel sind somit allein aufgrund der wechselvollen Geschichte alles Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts. Das erste feste Bauwerk des heutigen Inseldorfes war wie erwähnt der 1856 fertiggestellte Leuchtturm, um den herum sich einfache Wohnhäuser gruppierten. Der Jever Amtmann Zedelius förderte dann um 1900 den Ausbau des Seebades, die heutige Hauptstraße ist nach ihm benannt. Es entstanden Logierhäuser und Gründerzeit-Hotelbauten an der Hauptstraße und der Strandpromenade. Einen besonderen Ausbauschub erfuhr Wangerooge zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als beispielsweise der neue Bahnhof (der südlich gelegene Hafenanleger wird bis heute durch eine Eisenbahn mit dem Ort verbunden) oder auch das Inselgymnasium errichtet wurden. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Schiffsanleger noch an der Ostseite der Insel, wovon bis heute alte Pfahlreste zeugen (diese Anlegestelle, die seit 1905 in Betrieb war, wurde 1958 aufgegeben und verfällt seitdem). Auch die neue Nikolaikirche stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts und es folgten auch neue Wohnhäuser, wie das später zur Schule umgebaute Gebäude an der Schulstraße 2. Als Wahrzeichen dienen der 1932 errichtete Westturm, der den nach der Neujahrsflut 1855 stehen gebliebenen Turm der alten Nikolaikirche als Seezeichen ersetzte (nachdem der Kirchturm von 1602 nach dem Kriegsausbruch 1914 gesprengt worden war) und das Café Pudding, das im Kern aus einem Bunker von 1944 besteht und 1949 zum Café ausgebaut und 1971 noch einmal beträchtlich erweitert wurde. 


Zum Weiterlesen:

Hans-Jürgen Jürgens: Wangerooger Chronik, 2010/2012/2013

Peter Sievert: Die Insel Wangerooge nach ihrem früheren und gegenwärtigen Zustande, Hannover 1982 (nach Theodor Schmedes: Wangerooge, 1874)

Friedrich-Wilhelm Jürgens: Geschichte des Nordseeheilbades Wangerooge 1804–1954, Jever 1954



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