Gebietsfreischaltung in der Bau- und Kunstdenkmalpflege: Die Stadt Walsrode

Von Birte Rogacki-Thiemann


Walsrode liegt im Landkreis Heidekreis, der erst seit 2011 so genannt wird – davor hieß er (seit der großen niedersächsischen Gebietsreform von 1974/1977) Landkreis Soltau-Fallingbostel, da er durch Fusion der aufgelösten Landkreise Fallingbostel und Soltau entstand. Die Stadt Walsrode bildet darin eine Einheitsgemeinde mit insgesamt 32 Ortschaften (von „Ahrsen“ bis „Westenholz“) inkl. der eigentlichen Kernstadt. Sie besitzt zudem eine eigene Denkmalschutzbehörde.

Zahlreiche Flüsse und Bäche wie die Böhme, die Fulde oder der nordwestliche Grenzfluss Lehrde prägen die Landschaft im Übergang zwischen der südlichen Allerniederung und der Hohen Geest mit Wald-, Moor- und Heideflächen. Die zumeist bis heute dörflich geprägten Siedlungen liegen an den Flusstalrändern und an historischen Furten bedeutender Handelsstraßen. Dies gilt insbesondere auch für den Hauptort Walsrode, der im Osten von der Böhme, im Norden von der Fulde begrenzt wird, und dort entstand, wo sich die Handelsstraßen von Minden nach Harburg und von Bremen nach Celle kreuzten. Für die Gründung des Frauenklosters Walsrode durch den Grafen Wale um 960 waren die bereits bestehenden Siedlungen ein Standortvorteil. Erstmals erwähnt wird das Kloster in einer Urkunde, die mit dem 7. Mai 986 (nachträglich) datiert wurde, die noch bäuerliche Siedlung entwickelte sich im Nachgang weiter. 1383 erhielt sie Weichbildrechte und 1450 eine Erlaubnis zur Befestigung. Im 17. Jahrhundert, im Merianstich „Walsrode. F.B.L. Closter und Stättlein“, sowie auf Karten des 18. Jahrhunderts wird die Stadt dargestellt als ein von den Flüssen Böhme und Fulde sowie dem verbindenden Stadtgraben vollständig umschlossener Bereich, der einschließlich des Klostergeländes wohl im Wesentlichen durch die vier Stadttore an den jeweiligen Flussübergängen gesichert war. Einen dramatischen Einschnitt für Walsrode bedeutete der große Stadtbrand am 6. Juli 1757, der über 90 Prozent der Walsroder Häuser vernichtete. In einem großen Wiederaufbauprogramm wurde das Stadtgebiet deutlich vergrößert, die Straßen wurden verbreitert und Bauvorschriften erlassen, die das Brandrisiko verringerten. Bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert erhielt die Stadt Walsrode eine neue bauliche Gestalt, die ihr Zentrum bis heute in weiten Teilen prägt. Die zuvor giebelständige Ausrichtung der Häuser wurden in diesem Zug durch eine überwiegend traufständige ersetzt.

Daneben gibt es bis heute gut erhaltene dörfliche Siedlungen, die durch zumeist große Hofstellen gekennzeichnet sind und entweder wie in Westenholz, Krelingen oder Hollige in gemeinsamen Ansiedlungen vorkommen oder auch in Einzellage wie in Krusenhausen zu finden sind. Erhalten sind neben den häufig sehr großen Wohn-/Wirtschaftsgebäuden ebenfalls große Scheunen, die regionstypischen Fachwerk-Treppenspeicher, Backhäuser und Hof- und Außenschafställe sowie jüngere Schweineställe und Remisen.

Typisch sind hier v.a. Dörfer, die sich südlich von Walsrode am Geestrand zwischen dem flachen Böhmetal und dem anschließenden Höhenrücken entwickelt haben – hierzu gehören beispielsweise Altenboitzen, Kirchboitzen und Benzen. Die Lage hier ermöglichte von jeher, dass innerhalb der quer zum Fluss verlaufenden Gemarkungsgrenzen fruchtbare Wiesen und Äcker sowie die für die Viehwrtschaft notwendigen Wald- und Heideflächen genutzt werden konnten. Östlich von Walsrode liegen Honerdingen und Meinerdingen, wo insbesondere die St. Gregoriuskirche, die im Kern aus dem 13. Jahrhunderts stammt, bedeutsam ist. Daneben gehört Stellichte zur Gemeinde Walsrode, wo sich sowohl das gleichnamige Gut mit reichem Baubestand, auch mit einer dem frühen 17. Jahrhundert entstammenden Gutskapelle, befindet als auch der historischen Mühlenhof Stellichte, der sich urkundlich bis 1592 zurückverfolgen lässt, dessen heutiger Baubestand jedoch aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammt.

Mit der Bildung des Königreichs Hannover im Oktober 1814 entstand unter dem Walsroder Kaufmann August Wolff 1815 eine erste Pulvermühle in Bomlitz, aus der sich eines der größten Unternehmen der Region Walsrode entwickelte und wodurch auch weitreichende Auswirkungen auf die Siedlungs- und nachfolgend die Denkmalstruktur Walsrodes entstanden. Nach August und Wilhelm Wolff übernahm 1886 Oskar Wolff (1858-1943) die Werksleitung. Unter ihm wurde das Werk in Bomlitz ausgebaut und auch Verwaltungs- und Sozialbauten geschaffen sowie das eigene Wohnhaus – das „Gutshaus Bomlitz“ erheblich erweitert.

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 war Bomlitz schnell in die Aufrüstung der Wehrmacht eingebunden. 1938 wurde als Tochterunternehmen der Firma Wolff & Co. die Eibia G.m.b.H. für chemische Produkte gegründet. Für die Produktion von Schießpulver waren Tausende Arbeitskräfte erforderlich, und das NS-Regime ließ daher in Walsrode und Benefeld große Siedlungskomplexe sowie zudem Lager für Fremd- und ZwangsarbeiterInnen errichten. Hieran erinnert die Kriegsgräberstätte Bomlitz für insgesamt 126 Opfer verschiedener Nationen von Krieg und Gewaltherrschaft des Zweiten Weltkriegs (Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Kinder aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, KZ-Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Benefeld, italienische Militärinternierte).

 

Geschichtsträchtig ist Walsrode mit seinen Ortsteilen – neben dem berühmten Vogelpark gibt es vieles zu entdecken!



Zum Weiterlesen:

Hans Stuhlmacher: Geschichte der Stadt Walsrode. Hrsg. im Auftrag der Stadtverwaltung, Walsrode 1964

Gernot Erler (Hrsg.): Walsrode. 1000 Jahre Kloster und Ortschaft. 986–1986. Bund der Freunde des Heimatmuseums, Walsrode 1986

Gunther Gerhardt: Wolff in Walsrode. Der Beitrag einer Unternehmerfamilie zur Stadtgeschichte. In: Festschrift zum 5. Walsroder Stadtfest, Walsrode 1990, S. 6-10

Andrea Hesse: Prädikat „Bestbetrieb“ – die Eibia GmbH für chemische Produkte in Bomlitz, Münster 1995







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