Gebietsfreischaltung in der Bau- und Kunstdenkmalpflege: Die Gemeinde Staufenberg oder das sog. "Obergericht"
Von Birte Rogacki-Thiemann
Die Gemeinde Staufenberg ist die südlichste Niedersachsens, im Norden schließt sich die Stadt Hann. Münden an, im Westen, Süden und Osten ist Staufenberg von Hessen umgeben. Das Gebiet erstreckt sich vom Fuldatal über die Höhenlagen des Kaufunger Waldes und umfasst seit der Gebietsreform von 1973 die zehn Dörfer Benterode, Dahlheim, Escherode, Landwehrhagen, Lutterberg, Nienhagen, Sichelnstein, Speele, Spiekershausen und Uschlag. Der namensgebende Große Staufenberg liegt bei Lutterberg und lieferte angeblich schon im 6. Jahrhundert den Basalt zum Bau der nahe gelegenen Burg Sichelnstein, Sitz des ehemaligen Amtes Sichelnstein im Obergericht Münden.
Der Begriff „Obergericht“ taucht im späteren Mittelalter unter welfischer Herrschaft erstmalig auf und wird bis heute als Gebietsbezeichnung synonym zu „Staufenberg“ verwendet. Verwaltungsgeschichtlich war es ein Sonderbereich des späteren Amtes Münden, dem bis ins 19. Jahrhundert ein Amtsschulze vorstand, der seinen Sitz meist in Landwehrhagen, dem zentralen Ort Staufenbergs, hatte. Landwehrhagen ist zugleich das größte Dorf im Obergericht, nicht aber das älteste. So liegt die erste, allerdings umstrittene, Erwähnung des zweitgrößten Dorfes, Uschlag, um 850, womit es zu den erstgenannten Orten des Obergerichts gehört. Die Ersterwähnung Benterodes ("am Wellebach"), fand 811 durch eine Urkunde Karls des Großen statt, aus derselben Zeit stammt auch bereits die Nennung von Escherode ("Esekerode").
Die Burg Sichelnstein, die vermutlich ebenfalls bereits spätestens im 9. Jahrhundert entstand, ist urkundlich belegt erst für 933. Speele ist im 13. Jahrhundert fassbar, die übrigen Ortschaften im 14. (Dahlheim wird 1318 im Lehnbuch Herzog Ottos von Braunschweig erwähnt, Spiekershausen 1319, Nienhagen 1351, Landwehrhagen schließlich 1356). Dabei sind – wie die Endungen der Dorfnamen größtenteils bis heute verraten – die meisten Ortschaften des Obergerichts aus Rodungen hervorgegangen. Die Endung -rode ist dabei die ältere, während -hagen auf jüngere Orte hinweist.
Der bereits angesprochene Weg von Münden nach Kassel östlich der Fulda ist anscheinend jünger als die Verbindung vom Leinetal über die Werra (Hedemünden) und den Rücken des Kaufunger Waldes (Landwehrhagen) hinunter zur Fulda (Spiekershausen). An ihm orientiert sich nicht nur der Ortsgrundriss von Landwehrhagen (so reiht sich hier Haus an Haus entlang der Oberen und Unteren Dorfstraße und bildet ein historisches Straßendorf), sondern an diesem Weg finden sich oberhalb von Spiekershausen auch zwei mittelalterliche Steinkreuze, die auf die Bedeutung desselben hinweisen. Die etwas jüngere Nord-Süd-Straße, die über Lutterberg und Landwehrhagen führt, bildet sich bis heute in einem im Wald erhaltenen Chausseepflaster südlich von Landwehrhagen ab und eine benachbarte Brücke von 1722/1797 steht ebenfalls mit der historischen Wegeführung im Zusammenhang. Die beiden Dörfer Landwehrhagen und Lutterberg waren aufgrund dieser Lage sog. „Fuhrmannsdörfer“, deren Einwohner ursprünglich vorwiegend Fuhrleute waren, die Vorspanndienste leisteten oder auch vom Ausspann oder der Arbeit in Schmieden lebten und so zu Wohlstand gelangten.
Die Grenzlage des Obergerichts an Hessen bedingte in früheren Zeiten zahlreiche Baumaßnahmen hinsichtlich einer Bestandssicherung. Dazu gehört die bereits erwähnte Burg Sichelnstein ebenso wie ein Wartturm oberhalb von Speele. Die Burg Sichelnstein wurde – vermutlich auf Grundlage eines älteren Baus – spätestens 1370-72 von Herzog Otto dem Quaden (Otto I. von Braunschweig-Göttingen, 1330-1394) als Grenzfeste gegen die hessischen Landgrafen ausgebaut. Die etwa 7 Meter hohen Umfassungsmauern, größtenteils aus schwarzem Säulenbasalt, auf hufeisenförmigem Grundriss mit einem einzigen Zugang von Südosten, umzogen von einem Wallgraben, zeugen auch als Ruine noch vom ehemals wehrhaften Charakter der Anlage. Über das spätere Schicksal der Burg Sichelnstein einschließlich ihrer Zerstörung gibt es keine gesicherte Erkenntnis, doch ist anzunehmen, dass sie das Los vieler Burgen im Dreißigjährigen Krieg teilte. Das Steinmaterial fand nach dem Verfall der Burg Verwendung beim Bau Sichelnsteiner und Benteröder Häuser. Als 1787 die alte Dorfkirche in Benterode einzustürzen drohte, sah man sich zu einem Neubau gezwungen und benutzte dazu die Reste der Burg Sichelnstein als Steinbruch. Auch der Speeler Wartturm stammt noch aus dem Mittelalter. Es handelt sich um einen Rundturm aus gebrochenen Rotsandsteinen mit einer Turmhöhe von etwa 9 Metern bei einem Durchmesser von etwa 3,20 Meter und einem Umfang von 10 Metern. Die Bezeichnung "Wartturm" stammt vom mittelhochdeutschen Wort "warte" für „spähendes Ausschauen“ - besonders verbreitet sind Warttürme in der spätmittelalterlichen Zeit außerhalb von Städten.
Insgesamt knapp 200 Denkmale besitzt das Obergericht, bis auf Sichelnstein und Dahlheim hat jedes Dorf eine eigene Kirche oder Kapelle. Allein daran lässt sich die Bedeutung und der relative Wohlstand der Gegend ablesen. Die ältesten Bauten sind hierbei die Kapelle in Spiekershausen und der Chor der Kirche von Lutterberg mit einer Entstehungszeit im 14. Jahrhundert sowie die Dorfkirche von Escherode spätestens im 15. Jahrhundert. Nachreformatorische Neubauten entstanden in Uschlag (1725), Benterode (1786/87), Speele (1782-88) sowie in Landwehrhagen (1822-25) und Nienhagen (1867-69). Letztere Kapelle ist ein wenig bekannter Bau des hannoverschen Konsistorialbaumeisters Conrad Wilhelm Hase (1818-1902), der im Stil der hannoverschen Architekturschule hier ortstypisch einen Bau aus Sandstein vorsah.
Daneben gibt es zahlreiche bedeutende Fachwerkbauten, die in den meisten Fällen zweigeschossig, giebel- oder traufständig zu den Dorfstraßen und mit Wohn- und Wirtschaftsteil unter einem gemeinsamen Dach konzipiert sind. Nicht selten gehört ein hoher Sandsteinsockel als Unterbau dazu, entsprechend sind Freitreppen vor dem Hauseingang nicht unüblich. Ein Großteil der erhaltenen Bauten stammt dabei aus dem 18. Jahrhundert. Besonders hervorzuheben sind hier die Ortskerne von Lutterberg und Uschlag, Uschlag hat zugleich den größten Staufenberger Bestand an Denkmalen. Gut überkommene Beispiele schmuckvoller Bauten sind hier beispielsweise Kasseler Straße 64 oder Kasseler Straße 13 sowie auch Obere Dorfstraße 14 in Landwehrhagen, Lange Straße 15 in Lutterberg oder Wellebachstraße 50 in Benterode. Hinzu kommen zahlreiche qualitätvolle Nebengebäude wie Scheunen, Ställe, Backhäuser oder multifunktionale Wirtschaftsbauten.
In Nienhagen gibt es eine urkundlich bereits 1551 erwähnte Mühle („Alte Mühle“ von Nienhagen am Ingelheimbach), als Herzogin Elisabeth dieselbe mit Rechten ausstattete. Anstelle dieser älteren Mühle entstand 1736 der heutige Bau, der bis 1806 als Zehntmühle und Kornmahlort für die Bewohner von Sichelnstein, Escherode und Nienhagen diente. Mitsamt den anliegenden Wirtschaftsbauten hat sich damit hier eine beeindruckende Mühlenanlage des 18. und 19. Jahrhunderts erhalten.
Der südlichste Zipfel des Landkreises Göttingen hat also einiges zu bieten, das einen Besuch lohnenswert macht!
Zum Weiterlesen:
Horst Wollmert: Landwehrhagen - Lebensbild eines Dorfes, 2006

