Die Denkmale der Gemeinde Wunstorf im Denkmalatlas Niedersachsen
Zwischen Weser und Hannover, im zum Norddeutschen Tiefland gehörenden Teil des Calenberger Landes, liegt die heutige Gemeinde Wunstorf. Zu ihr gehört neben der Stadt Wunstorf und mehreren kleineren Ortschaften auch das Steinhuder Meer. Aufgrund geografischer und politischer Besonderheiten, des Bergbaus und der Funktion als Militärstandort gelangten die Orte der heutigen Gemeinde zu vielfältiger Bedeutung, was durch herausragende Baudenkmale aus fast allen Epochen dokumentiert ist.
Die Stadt Wunstorf entwickelte sich vermutlich aus dem zum Bistum Minden gehörigen Kanonissenstift, dessen Gründung 871 durch Bischof Theoderich von Minden († 880) in einer Urkunde, die auch erstmals den Ort namentlich erwähnt, bestätigt wird. Im 13. Jahrhunderts erhielt Wunstorf das Mindener Stadtrecht, für diese Zeit ist auch eine hier gelegene Burg bezeugt. Die Besitzverhältnisse führten zu der Teilung des Siedlungsbereichs mit weltlicher Hoheit im Westen und dem etwas erhöht gelegenen bischöflichen Stift im Osten, die noch heute im Grundriss der Altstadt und den Resten der ehemaligen Befestigung ablesbar ist. Mittelpunkt des Stiftsbezirks ist die Stiftskirche St. Cosmas und Damian, die unter Einbeziehung älterer Teile wesentlich aus dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts stammt und in der Mitte des 19. Jahrhunderts historisierend restauriert wurde. Zu den um den Stiftshügel im Ringsystem gruppierten historischen Gebäuden gehört u. a. der Röbbigsturm, dessen Kern ein um 1570 errichtetes Steinwerk ist.
Das Bild der Wunstorfer Altstadt bestimmen einige um den Marktplatz verteilte Gebäude wesentlich, darunter die nahe dem Stiftsareal gelegene ev. Marktkirche St. Bartholomaei, deren Turm und Chor aus dem 12. Jh. stammen. Nördlich davon befindet sich die Abtei - als einziges Hauptgebäude des Stiftes ungewöhnlicherweise nicht im Stiftsbezirk, sondern innerhalb der Stadtumwallung. Den südlichen Rand des Marktplatzes bildet das 1907 erbaute Rathaus, dessen lebhafte Gruppierung der Fassade und fast verspielte figürliche Sandsteinplastik typisch für den Späthistorismus ist. Prägend für diesen Bereich sind auch die geschlossenen Gruppen historischer Häuser an der Wasserzucht und der Nordstraße, wo der ehemalige Ratskeller einen markanten westlichen Abschluss des Marktareals bildet. 1847 wurde Wunstorf zum Eisenbahnknoten der Bahnstrecken Hannover-Minden sowie Wunstorf-Bremen und bekam 1848 ein prächtiges Empfangsgebäude, entworfen von Ferdinand Schwarz (1808-1866), ausgeführt von Conrad Wilhelm Hase (1818-1902). Von der Bedeutung der Stadt als bis 1874 genutzter Standort für hannoversches (später preußisches) Militär zeugt z. B. das 1780 erbaute Kasernengebäude in der Südstraße. 1880 wurde in den leerstehenden Militärgebäuden eine Anstalt zur Krankenbehandlung eingerichtet, die später als Provinzial Heil- und Pflegeanstalt, nach 1952 als Landeskrankenhaus regional bekannt wurde. Sie bestimmt heute das Bild Wunstorfs mit einem Areal, das fast so weitläufig ist wie die westlich gelegene Altstadt. Unter den baulichen Anlagen sind zahlreiche geschützte Krankenhausbauten, u. a. die neugotische Hospitalkapelle und repräsentative Wohnbauten für Direktoren und Ärzte.
Ebenfalls in der Region bekannt ist der nördlich der Stadt gelegene Fliegerhorst Wunstorf, der bereits 1934 angelegt wurde und seit 1958 von der Bundeswehr betrieben wird. Das aus der ersten Bauphase erhaltene Offiziersheim ist als Denkmal geschützt.
Die am südlichen Ufer des Steinhuder Meers gelegene Fischersiedlung Steinhude gehörte einst zur Grafschaft Schaumburg-Lippe. Erst im Zuge der Gebietsreform 1974 kam die Ortschaft zu Wunstorf und ist damit heute Teil der Region Hannover, die Petruskirche hingegen ist immer noch der Landeskirche Schaumburg-Lippe angeschlossen. Die landwirtschaftliche Vergangenheit Steinhudes ist mit dem Scheunenviertel dokumentiert, während sich das im frühen 20. Jahrhundert beginnende Interesse am Ort als Freizeit- und Erholungsziel in Wochenendhäusern aus dieser Zeit zeigt, wie z. B. dem um 1905 von Karl Siebrecht (1875-1952) entworfenen „Haus Stichweh“.
Zu den Baudenkmalen mit landesweiter Bedeutung gehört zweifellos die 1767 vollendete Festung Wilhelmstein, eine von Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (1724-1777) künstlich angelegte, befestigte Insel mit kleinem schlossartigem Gebäude im Zentrum. Ursprünglich als Muster einer „Befestigten Landschaft“ gedacht, diente der Wilhelmstein als Militärschule, Observatorium und Gefängnis; heute ist er beliebtes touristisches Ziel und zieht große Besuchermengen an.
Mit ihren zahlreichen Grabsteinen sind der erhaltene Neue jüdische Friedhof am Nordrehr in Wunstorf (gegr. 1830) und der sehr abgelegene, zu Steinhude gehörige jüdische Friedhof An der Trift (gegr. 1793) von besonderer orts- und kulturgeschichtlicher Bedeutung.
Ebenfalls abgelegen, aber herausragendes Beispiel der Bau- und Kunstgeschichte ist die romanische Sigwardskirche in der kleinen Ortschaft Idensen. Der Mindener Bischof Sigward († 1140) besaß hier ein Gut und ließ sich zwischen 1120 und 1129 eine kleine, aber prachtvoll ausgestattete Eigenkirche errichten. Im Inneren hat sich neben der regional ungewöhnlichen Kuppelwölbung eine bauzeitliche Ausmalung von außerordentlichem Umfang und Qualität erhalten. Der bekannte hannoversche Architekt Conrad Wilhem Hase hatte schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts die architekturgeschichtliche Bedeutung der Sigwardskirche erkannt und mit dem Bau der Neuen Kirche 1887/88, heute ebenfalls ein Denkmal, den damals drohenden Abbruch verhindert.
Wie in anderen Teilen der Region prägen große historische Güter und Amtshöfe den ländlichen Bereich, wie das stadtnahe Rittergut Düendorf, der aus einem Loccumer Freihof hervorgegangene Mönchehof in Kolenfeld, das ehemals gräfliche Gut in Liethe sowie die Amtshöfe in Bokeloh und Blumenau. Der ehemalige Sitz der Grafen von Wunstorf Blumenau hatte nach der Auflösung des Amtes 1859 seine regionale Bedeutung verloren, um 1865 jedoch verschaffte der Ministerpräsident des Königreichs Hannover, Eduard von Kielmansegg (1804-1879), dem Ort mit dem herrschaftlichen Schloss Blumenau in britisch inspirierter Neugotik neuen Glanz.

