Gebietsfreischaltung in der Bau- und Kunstdenkmalpflege: Die Stadt Rinteln

Von Marie Ellersiek

Die vielfältig ausgeprägte Denkmallandschaft der Stadt Rinteln ist aufgrund ihrer geographisch-naturräumlichen Gegebenheiten und aufgrund der historisch-politischen Entwicklungen eng mit jener des Landkreises Schaumburg verbunden. Bis zur Kreisreform 1977 war das Kreisgebiet in zwei eigenständige Staatsgebiete gegliedert: Mit Aussterben der Grafen von Schaumburg im Jahr 1640 erfolgte die Teilung in Grafschaft bzw. ab 1807 Fürstentum Schaumburg-Lippe und die Grafschaft Schaumburg hessischen Anteils. Die im Mittelalter angelegten, frühneuzeitlich ausgebauten Landwehren und Grenzsteine geben noch heute anschaulich diese territorialen Zuordnungen wieder.

Nach der Teilung der Grafschaft im Jahr 1640 wurde der südliche Teil, die Grafschaft Schaumburg, von Rinteln aus regiert und unterstand bis 1821 in Personalunion direkt dem Hause Hessen-Kassel bzw. Kurhessen.

Rinteln wurde gemäß der Stadtrechtsurkunde nach Lippstädter Vorbild aus dem Jahre 1239 von Graf Adolf IV. von Schaumburg gegründet. Mit Verlegung des Benediktinerinnenkonvents 1238 von Alt-Rinteln nördlich oberhalb der Weser in die Klosterstraße, welches um 1230 von Probsthagen bei Stadthagen (dort noch Zisterzienserinnenkloster) nach Alt-Rinteln verlegt worden war, begann der Ort zu prosperieren. Die älteste Brücke zur Querung der Weser soll an der Stelle der späteren Weserfähre gestanden haben, die wiederum auf die Enge Straße zuführte. Letztere und die Brennerstraße gelten als erste Straßen des Stadtgebietes; es folgten die Klosterstraße – benannt nach der Klostergründung – und die Ritterstraße, welche die meisten Rittersitze aufwies in ihrer geschlossenen Anordnung auf einer größeren Parzelle mit repräsentativen Toranlagen und hohen Einfriedungsmauern. Seit 1238 sind die strategisch zu Verteidigungszwecken am Stadtrand angeordneten Adelshöfe urkundlich belegt für Rinteln, darunter der Parkhof, Burghof und Zersenhof. Das Benediktinerinnenkloster existierte bis 1563 an der Klosterstraße; die Klosterkirche St. Jacobi hat sich neben dem straßenräumlich prägenden Kollegienplatz erhalten. Fürst Ernst gründete 1621 die Universität, die bis zur Schließung 1809 an dem ehemaligen Klosterstandort fortbestand. Angehörige der Festungskommandantur und Universität waren Teil der Stadtgesellschaft, was sich wiederum baulich niederschlug z.B. in  Wache und Universitätskommisse. Im Ratskollegium befanden sich neben den Ministerialen im Gefolge der gräflichen Landesherren auch Ämter und Zünfte, darunter die Bäckergilde.

Ihr zunehmender, bis heute erkennbarer Einfluss zeigt sich in den prächtigen Bürgerhäusern der Bäckerstraße. Sie ist eine von drei parallel verlaufenden Straßenzügen in Nord-/Südrichtung, welche den Stadtgrundriss in vier annähernd gleich große Siedlungsstreifen unterteilte und deren Verbindung durch schmale Quergassen erfolgte. Neben Handel und Handwerk spielte auch der landwirtschaftliche Nebenerwerb eine große Rolle. Der außerordentlich reiche Bestand innerstädtischer Fachwerkbauten des 16.-18. Jahrhunderts mit Nebengebäuden im rückwärtigen Bereich der Parzellen, kontinuierlich aber spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv bedroht von Modernisierungswellen und kurzsichtiger Städtebaupolitik, vermittelt an einigen Stellen noch ein authentisches Stadtbild einer gewachsenen Handwerker- und Bürgerstadt mit seinen spezifischen baulichen Ausdrucksformen des Oberwesergebietes. Der Formenreichtum der Schnitzornamentik findet sein direktes Vorbild in dem Rathaus, einem Renaissancebau mit steinernen Roll- und Beschlagwerksformen, im Kern bereits erbaut um 1250.

Ab 1665 betrieb die hessische Landgräfin Hedwig Sophie von Hessen-Kassel den Ausbau zur Festung der Garnisonsstadt nach altniederländischem Vorbild. Nach der Entfestigung Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die ehemaligen Wallanlangen zum Park umgestaltet und es entstanden zahlreiche Neubauten auf den ehemaligen Contrescarpe-Bereichen, darunter die Villensiedlungen Dingelstedtwall und Kapellenwall oder die gegenüberliegenden Arbeiterwohnhäuser.

Die Nähe der Stadt zur Weser und ihr Hafen war eine wichtige Komponente für die wirtschaftlichen Geschicke der Stadt. Noch heute ist die Weserbrücke, die sog. Hindenburgbrücke, das weithin sichtbare Verbindungselement zwischen der Kernstadt links und den jüngeren Siedlungsbereichen wie z.B. der Bahnhofstraße mit kaiserzeitlicher Villenarchitektur rechts der Weser. Mit Etablierung der Eisenbahn erhielt auch das Schaumburger Land den verkehrstechnischen Anschluss an Hannover im Nordwesten und Minden im Westen; vom Bahnhof in Rinteln haben sich der Wasserturm mit Lokschuppen und das Empfangsgebäude erhalten. Unter den technischen Denkmalen als Zeugnisse früher Industriekultur und Wirtschaftsgeschichte sind besonders die Eisenhämmer in Exten sowie die Stiftsmühle Exten und die Wassermühle Krankenhagen mit Kaskadenwehr exemplarisch von ehemals rund 30 belegten Mühlenstandorten im Raum Rinteln zu nennen.

Herausragende Baudenkmale sind u.a. in Möllenbeck zu finden. Die Klosteranlage, 896 als Benediktinerinnenkloster gegründet, zur Mitte des 15. Jahrhunderts umgewandelt in ein Augustinerkloster, wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg zur hessischen Staatsdomäne, deren Güter die Unterhaltung der Universität sicherten. In Zusammenhang mit dem Vorwerk Ellerburg und dem vorgelagerten Wirtschaftshof weist die Denkmalgruppe eine hohe Dichte kunst- und bauhistorischer Zeugniswerte auf. Die gleichnamige Burg der Grafen von Schaumburg, die Schaumburg, thront als mittelalterliche Höhenburg am Südhang des Wesergebirgskammes. Repräsentative Anlagen wie jene in Ahe, Echtringhausen, Dankersen und die Domäne Coverden oder auch Schloss Arensburg sind ebenso orts- wie landschaftsbildprägende Anlagen mit erheblicher Bedeutung für die Regionalgeschichte.

Die umliegenden, agrarisch geprägten Ortsteile innerhalb der städtischen Gemarkungsgrenze Rintelns weisen einen schwindenden Bestand landwirtschaftlich genutzter Gebäude als charakteristische Fachwerkhallenhaustypen auf. Das Verzeichnis der Kulturdenkmale führt einige regionaltypische Hofanlagen mit beispielhaft ausgeprägten Gebäudetypen. Dazu zählen solche wie u.a. in Uchtdorf, Krankenhagen, Westendorf.

Mit der Qualifizierung der Denkmaldaten der eigenständigen Stadt Rinteln ist mittlerweile das ganze Kreisgebiet des Landkreises Schaumburg im Denkmalatlas abgebildet.

 

 

Zum Weiterlesen:

Stefan Brüdermann (Hg.) et. al.: Geschichte Schaumburgs in 30 Objekten, in: Kulturlandschaft Schaumburg, Bd. 26, Göttingen 2021

Ullrich Künkel: Stadt Rinteln. Lexikon, Rinteln 2001

Michael Sprenger: Bürgerhäuer und Adelshöfe in Rinteln. Bau- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zu frühneuzeitlichen Hausformen im mittleren Weserraum, Marburg 1995 

Historische Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.