Gebietsfreischaltung in der Bau- und Kunstdenkmalpflege: Die Stadt Seesen

Von Katrin Bohley-Zittlau

Die Stadt Seesen wurde 974 erstmals urkundlich erwähnt und liegt im nordwestlichen Harzvorland. Zusammen mit den eingemeindeten Ortschaften zwischen Rhüden im Norden und Stauffenburg im Süden hat Seesen rund 350 Baudenkmale, die die ganze Vielfalt des geschichtsträchtigen und immer wieder umkämpften Harzvorlands repräsentieren: von der Burgruine Wohlenstein über die einstigen Rittergüter und Domänen von Bilderlahe, Bornhausen und Kirchberg bis zu den Dorfkirchen mit ihren Kirchhöfen und barocken Bildstöcken. Fachwerkwohnhäuser und Wohnwirtschaftsgebäude, Gutshäuser und Fabrikantenvillen dokumentieren die unterschiedlichsten Wohnformen und prägen die Ortsbilder.

Seesen entwickelte sich aus einer älteren Siedlung bei der einstigen Vituskirche und einer jüngeren Marktsiedlung, die rund um den mittelalterlichen Vorgängerbau der St. Andreaskirche entstand. Zwischen beiden Siedlungen errichteten die welfischen Herzöge im 13. Jahrhundert die Wasserburg Sehusa, 1428 wurden Seesen die Stadtrechte verliehen. Reste der alten Stadtanlage sind nur noch in der Unterstadt am Vitusturm erhalten, denn infolge der Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges und einiger verheerender Stadtbrände im 17. Jahrhundert ist die gesamte Oberstadt nach 1673 rasterförmig neu angelegt und bebaut worden. Zumeist zweigeschossige, traufständige Fachwerkhäuser bilden hier geschlossene Straßenfronten, so in der Langen Straße oder Vor der Kirche. Das ehemalige Brauhaus, ein zweigeschossiger Bruchsteinbau von 1592 und eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Stadt, wurde ab 1673 als Rathaus genutzt, nachdem auch das alte Rathaus Opfer der Flammen geworden war. Den Stadtbrand überstanden hat auch die um 1670 erbaute Schreibschule östlich der St. Vitus-Kirche. Herzog Rudolf August von Braunschweig-Wolfenbüttel ließ kurz nach 1700 das Jagdschloss erbauen, in dem heute das Städtische Museum untergebracht ist. 1702 konnte die anstelle des abgebrannten Vorgängerbaus neu errichtete St. Andreaskirche geweiht werden. 1778 gab es in Seesen 200 Wohnhäuser mit rund 1.500 Einwohnern.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts sind jüdische Familien in Seesen namentlich bekannt, eine Judengasse existiert aber schon auf einem Stadtplan von 1691. 1748 erhielt Isaak Hirsch als erster jüdischer Einwohner einen zunächst auf vier Jahre befristeten herzoglichen Schutzbrief, der in der Folgezeit regelmäßig verlängert wurde. Um Konflikte mit den einheimischen Gilden zu vermeiden, war es Isaak Hirsch nur gestattet, seinen Kleinhandel mit Ellenwaren außerhalb der Stadtgrenzen zu betreiben.

1801 gründete der 1768 in Halberstadt geborene Israel Jacobson, seit 1795 Rabbiner des Weserdistrikts und braunschweigischer Kammeragent, ein „Institut für arme Juden Kinder“ in Seesen, die spätere Jacobson-Schule. In der Anfangszeit sind hier mittellose jüdische Jungen in handwerklichen Berufen und in der Landwirtschaft ausgebildet worden. Später entwickelte sich die Schule zu einer privaten allgemeinbildenden Anstalt, die aus Realschule und Realgymnasium bestand und für alle Konfessionen offen war. Auf dem Schulhof wurde 1810 eine von Jacobson gestiftete Fachwerksynagoge eingeweiht. Der Jacobstempel ist als erste Reformsynagoge nicht nur zum Prototyp für den modernen Synagogenbau des 19. Jahrhunderts geworden, auch der Gottesdienst ist grundlegend reformiert worden – so gab es hier erstmals eine Orgel, die den Chorgesang begleitete, und die Predigt wurde in deutscher Sprache gehalten. Einziges Überbleibsel der Jacobsonschule ist das 1889 als Alumnat erbaute Jacobsonhaus. Bereits 1805 hatte Israel Jacobson ein Hanggrundstück in der Dehnestraße östlich der Seesener Altstadt erworben. Hier ist der Jüdische Friedhof angelegt worden, auf dem heute noch fast 100 Grabsteine erhalten sind. 

Im August 1856 wurde Seesen durch die Eröffnung der Bahnlinie Börßum – Kreiensen in das Bahnnetz der damaligen Braunschweigischen Staatseisenbahn einbezogen. Der Bahnhof Seesen konnte kurz vor der Eröffnung fertiggestellt werden. Die Strecke verlief nahe der Grenze zwischen dem Königreich Hannover und dem Herzogtum Braunschweig und wurde erst möglich durch den braunschweigisch-hannoverschen Staatsvertrag von 1837. An diese Grenzlinie erinnern noch heute viele erhaltene Grenzsteine aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter anderem die lange Grenzsteinkette entlang des Heber-Firstwegs westlich von Mechtshausen.

Die verkehrstechnische Anbindung der Stadt Seesen, die bis 1889 durch zwei weitere Strecken noch ausgebaut wurde, war von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Harzstadt, die vor allem auf der Herstellung von Blechwaren, speziell zur Konservierung von Lebensmitteln, basierte. Schon 1830 begann der erfolgreiche Weg der Züchner-Dosen in Seesen. Aus der kleinen Klempner-Manufaktur entwickelte sich ein Unternehmen, das bis zum Ersten Weltkrieg mehrere Standorte hatte und insgesamt 2.000 Mitarbeiter beschäftigte. Im Villenviertel oberhalb der Lautenthaler Straße ließ Fritz Züchner sich 1913 eine Villa mit umgebenden Parkanlagen erbauen.

Als wichtiger Sohn der Stadt Seesen muss auch Heinrich Steinweg genannt werden, der ab 1825 in Seesen seine ersten Klaviere baute, aber schon 1850 wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage nach Amerika auswanderte, um dort ab 1854 unter dem Namen Steinway seine Produktion von Tafelklavieren und Konzertflügeln auszubauen. Sein Sohn William führte den bis heute erfolgreichen Betrieb in New York fort, blieb aber seiner Heimatstadt Seesen verbunden. Er stiftete noch kurz vor seinem Tode 1896 den nach ihm benannten Park an der Lautenthaler Straße.

 

Im nordwestlich von Seesen am Fuße des Heber gelegenen Mechtshausen verbrachte der „Urvater des Comics“, der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch seine letzten zehn Lebensjahre. Er wohnte im Pfarrhaus seines Neffen und wurde 1908 unter großer Anteilnahme auf dem Mechtshäuser Friedhof beigesetzt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Seesen durch die florierende Wirtschaft zu einer Stadt mit 13.000 Einwohnern angewachsen. Rund um die Altstadt und das Schildautal sind neue Straßen angelegt und mit Wohnhäusern und stattlichen Villen bebaut worden. Der Erste Weltkrieg hatte auch in Seesen viele Opfer gefordert, und zu ihrem Gedenken wurde 1925 der Ehrentempel im einstigen Park des Jagdschlosses erbaut. Zwei Jahre später bekam der inzwischen mehrfach erweiterte und umgestaltete Friedhof seine Kapelle. Und 1934 wurde die Jahnschule am östlichen Ortsrand von Seesen erbaut.

Die Jacobsonschule war schon 1922 verstaatlicht worden, ab 1926 war sie Oberrealschule. Die Synagoge wurde zu dieser Zeit nur noch selten für Gottesdienste genutzt. Während der Progromnacht am 9. November 1938 wurde der Jacobstempel vollständig zerstört. Die Schulgebäude sind bis auf das Alumnat 1975 abgebrochen worden. Ein 1981 vor dem Jacobsonhaus errichteter Steinobelisk erinnert an die zerstörte Synagoge, deren Eckpunkte seit November 2000 an der Pflasterung auf dem Jacobsonplatz ablesbar sind.

Die Nachkriegsjahre brachten auch für Seesen einen sprunghaften Anstieg der Einwohnerzahl, 1950 lebten aufgrund der vielen Flüchtlinge über 26.000 Menschen in der Stadt. 1956 wurde nach Plänen von Josef Fehlig die katholische Kirche Maria Königin erbaut – die Seesener Katholiken hatten bis zum Bau einer Notkirche im Jahr 1927 die Gottesdienste in der St. Michael-Kirche in Bilderlahe besucht.

1959-60 wurde die Autobahn A 7, die mitten durch das heutige Gemeindegebiet von Seesen führt, fertig gestellt, und 1961 eröffnete die Raststätte Harz als bundesweit erste Autobahnraststätte mit Selbstbedienung. 1972 und 1974 sind insgesamt neun Ortschaften nach Seesen eingemeindet worden. Sie hatten zuvor zum Landkreis Gandersheim bzw. Hildesheim-Marienburg gehört. Seit der Auflösung des Landkreises Gandersheim im August 1977 gehört Seesen mit seinen Ortsteilen zum Landkreis Goslar.

Die geschichtsträchtige Stadt versteht sich aufgrund der günstigen Verkehrslage als „Fenster zum Harz“. Mit der Seesener Dorfrunde, dem Steinway-Trail und vielen kulturellen Angeboten vom Stadtmuseum über das Jacobson-Haus bis zum Wilhelm-Busch-Haus in Mechtshausen hat Seesen jede Menge Sehenswertes und viele spannende Baudenkmale zu bieten. Und sogar für einen Gourmet-Ausflug ist es gut geeignet, denn seit Kurzem schmückt das Restaurant Harzfenster ein Michelin-Stern.

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