Die ostfriesische Insel Norderney
Wenn man vom Festland aus Kurs auf die Insel Norderney nimmt, hat man zunächst nicht den Eindruck, dass sich hier viel historische Bausubstanz verbirgt, denn die städtischste aller Nordseeinseln wird aus der Ferne geprägt durch die sechs- bis zwölfgeschossigen Appartementhäuser der späten 1960er Jahre an der Kaiserstraße und die Neubauten am Weststrand. Der erste Eindruck jedoch täuscht: Vieles erinnert bis heute an die Blütezeit des ältesten Seebades der Nordsee und einstigen Kaiserbads – insgesamt mehr als 170 denkmalwerte Bauten vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind erhalten und tragen bis heute zum mondänen Ruf der Insel bei.
Die Geschichte von Norderney geht zurück bis ins 14. Jahrhundert, als eine Sturmflut die Insel Buise in zwei Teile trennte. Seit 1398 ist das heutige Norderney, die jüngste der bewohnten Inseln Ostfrieslands, als „Oesterende“ urkundlich belegt und gehörte zunächst zum Herrschaftsbereich der Häuptlingsfamilie tom Brok, seit 1427 unterstand sie der Häuptlingsfamilie Cirksena. Als sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Ämterstruktur der Grafschaft Ostfriesland bildete, zählte die inzwischen Norder-Neyogg genannte Insel zum Amt Berum. Die oberste Gewalt lag stets beim Landesherrn, vertreten durch den Inselvogt. Die Einwohner waren freie Friesen, die sich wegen der ergiebigen Fischgründe hier niederließen, kein Eigentum an Grund und Boden hatten, sondern nur Erbpächter waren. Neben der wichtigsten Einnahmequelle, dem Fischfang, trug auch die Bergung von Strandgut untergegangener Schiffe zum Lebensunterhalt bei, wobei die Hälfte der geborgenen Güter stets an den Landesherren abgeliefert werden musste. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die Frachtschifffahrt immer mehr zu, und viele Inselbewohner heuerten als Seeleute an. Als die Familie Cirksena 1744 in männlicher Linie ausstarb, kam Norderney zusammen mit der gesamten Grafschaft Ostfriesland an Preußen.
Nachdem schon englische Ärzte die heilende Kraft der Seeluft und des Meerwassers erkannt hatten, riet 1797 der Medizinalrat Dr. Wilhelm von Halem zur Errichtung einer Badeanstalt auf der Insel. Der flache Strand Norderneys und die Nähe der Insel zum Festland machten sie dafür zum idealen Ort. Auch hatten zu dieser Zeit schon die ersten Badegäste Heilung von Krankheiten im Meerwasser gesucht und in Zelten übernachtet, weil es noch keine Fremdenzimmer gab. So entschlossen sich die Ostfriesischen Stände zur Gründung eines Seebades auf der Insel und erhielten am 3. Oktober 1797 von König Friedrich Wilhelm II. die entsprechende Genehmigung. Damit ist Norderney das älteste Seebad an der Nordsee und nach dem 1793 an der Ostsee gegründeten Heiligendamm das zweitälteste in Deutschland.
Noch vor der offiziellen Eröffnung des Seebads im Jahr 1800 sind die ersten Bauten für die Kurgäste errichtet worden: 1799 das zunächst hölzerne Konversationshaus an der Stelle des heutigen Kurhauses und ein schlichtes Warmbadehaus. Dass sich das Seebad anfangs nur langsam entwickelte, lag auch an der schlechten Verkehrsanbindung. So kamen von den 300 Gästen im Jahr 1801 lediglich 36 nicht aus Ostfriesland. Für das kleine Inseldorf mit nur 106 Häusern waren die 500 Besucher im Jahr 1804 schon beachtlich, und nach anfänglicher Ablehnung erkannten die Inselbewohner in den Badegästen zunehmend eine gute Einnahmequelle. Durch die napoleonischen Kriege wurde diese hoffnungsvolle Entwicklung jedoch unterbrochen: Französische Truppen besetzten im Zuge der Kontinentalsperre die Insel und legten die Napoleonschanze zur Sicherung gegen englische Landeversuche an. Nachdem auf dem Wiener Kongress ganz Ostfriesland an das neu gegründete, bis 1837 in Personalunion mit England regierte Königreich Hannover gefallen war, entschlossen sich die Ostfriesischen Stände, das Seebad 1819 an den Staat abzutreten.
Es begann eine langsame Aufwärtsentwicklung, die sich mit dem Regierungsantritt von König Ernst August von Hannover 1837 noch verstärkte, da er Norderney zur königlichen Sommerresidenz erkor. Er ließ sowohl das Kurhaus als auch das Große Logierhaus, das heutige Kurhotel Norderney, neu errichten. Auch sein Sohn Georg V. und dessen Frau Marie hielten sich häufig auf Norderney auf. Das zog vor allem Badegäste aus wohlhabenden, gutbürgerlichen Kreisen an. Auch viele jüdische Unternehmer zählten zu den Kurgästen. Ein besonderer Gast war Heinrich Heine, der schon zwischen 1825 und 1827 die Sommermonate auf der Insel verbrachte. Die königliche Seebadeanstalt und der prosperierende Badebetrieb veränderten maßgeblich die soziale und wirtschaftliche Struktur der Insel: Während der hannoverschen Zeit stieg die Zahl der Gäste von 526 im Jahr 1822 auf 2.815 im Jahr 1864. Die Zahl der Einwohner war inzwischen auf etwa die gleiche Höhe angewachsen. Es gab ausgewiesene Badestrände für Damen und Herren, die durch eine neutrale Zone voneinander getrennt waren. Die Straßennamen „Damenpfad“ und „Herrenpfad“ weisen bis heute darauf hin. Zugleich waren aber auch umfangreiche und kostspielige Sicherungsarbeiten vonnöten, um vor allem die Westspitze der Insel vor den Sturmfluten zu schützen. So begann man 1858 mit dem Bau des festen Steindammes mit den vorgebauten Buhnen, der zugleich als Promenade diente.
Mit der Annexion des Königreiches Hannover durch Preußen im Herbst 1866 wurden auch die Insel und das Seebad preußisch. Auf Norderney wirkte sich das jedoch eher positiv aus: Die Freizügigkeits-Beschränkungen wurden aufgehoben und eine Niederlassungs- und Gewerbefreiheit eingeführt - auch Auswärtige konnten fortan Bauland erwerben. Der darauffolgende Bauboom veränderte das Bild der Insel nachhaltig: das Seebad wurde vom Fischerdorf zum mondänen Badeort mit der klassisch-weißen Bäderarchitektur. Der Bau der Bremer Häuser am Nordstrand bildete ab 1873 den Anfang: Sie wurden durch die Bremer Nationalbank auf dem bislang unbebauten Areal zwischen Kaiser- und Roonstraße, Moltke- und Bismarckstraße als erste große Hotelanlage Norderneys mit insgesamt 14 Villen und zusammen 200 Betten errichtet. Die luxuriöse Anlage bot sowohl Einzelpersonen als auch größeren Familien mit Bediensteten Unterkunft an. Angeschlossen waren ein Hotel und ein Restaurant, im Innenhof gab es neben einer Gartenanlage auch zwei Tennisplätze. Die Errichtung der Bremer Häuser war rückblickend der Auftakt des folgenden Baubooms: Für das gesamte Gebiet nördlich des alten Ortskerns ist ein Bebauungsplan entwickelt worden, und von der Kaiserstraße im Norden bis zur Viktoriastraße im Süden entstanden Logierhäuser im Stil der klassischen Seebäder-Architektur. Die Reste des alten Fischerdorfes verschwanden durch eine immer urbaner werdende Architektur.
Zugleich hatte sich auch die bislang recht lange und beschwerliche Anreise zur Insel deutlich verbessert: Seit 1872 verkehrte mit der „Stadt Norden“ ein Dampfschiff zwischen Norddeich und Norderney, das eine größere Zahl an Passagieren aufnehmen konnte und zugleich deutlich bequemer war als die kleinen Segelboote, die bislang zur Überfahrt genutzt werden mussten.
1878 wurde der Neubau der durch einen Sondererlass von Kaiser Wilhelm I. genehmigten und durch jüdische Badegäste finanzierten Synagoge eingeweiht, eine eigenständige jüdische Gemeinde gab es auf der Insel jedoch nicht. Verschiedene koscher geführte Garküchen und Restaurants, jüdische Bäcker und ein Schächter versorgten die auch aus Osteuropa angereisten Kurgäste. Anzeigen in der Badezeitung waren vielfach auf Deutsch und Hebräisch verfasst. Im Jahr 1879 ist die neugotische evangelische Inselkirche eingeweiht worden, und 1883 war auch der Neubau der katholischen Kirche St. Ludgerus vollendet. 1889 konnte dann der von Emden nach Norddeich weitergeführte Eisenbahnanschluss eröffnet werden, was die Verkehrsanbindung noch schneller und komfortabler machte. Damit stieg die Zahl der Inselbesucher weiter an: 1890 zählte man 17.214 Kurgäste, zehn Jahre später waren es bereits 25.927. Restaurants und Kaffeehäuser waren genauso wie die Uferpromenaden mit ihren Tennisplätzen Treffpunkte für die Badegäste. Die Damen-, Herren- und später auch die Familienstrände mit den Badeeinrichtungen und Erfrischungsbuden erfreuten sich großer Beliebtheit. Der Kurpark wurde als Verbindung der Kuranlagen mit der als Ausflugsziel beliebten Franzosenschanze mit ihren breiten Wassergräben neu geschaffen und das Kurtheater erbaut. Die nach neuesten Standards errichteten Erholungsheime, wie das 1886 eröffnete Seehospiz „Kaiserin Friedrich“, boten Kuraufenthalte im Meeres-Reizklima speziell für Kinder mit chronischen Atemwegsinfekten an. Dazu gehörte auch das seit 1911 von der Zionloge Hannover betriebene und mehrfach erweiterte Jüdische Kindererholungsheim.
Von 1906 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Reichskanzler von Bülow seinen Sommerwohnsitz auf der Insel – wieder wurde Norderney zum gesellschaftlichen und politischen Mittelpunkt seiner Zeit. Das 558 Einträge umfassende Gastgeberverzeichnis von 1909 gibt Aufschluss darüber, dass neben der eher geringen Anzahl von Hotels und Pensionen nahezu alle Wohn- und Logierhausbesitzer Zimmer unterschiedlichster Kategorien an Inselurlauber und Kurgäste vermietet haben. So schrieb die „Ilustrierte Curorte-Zeitung“ schon im Jahre 1901: „Der Eindruck, den Norderney gewahrt, ist der einer vornehmen Villenstadt, in der jeder Comfort zu erreichen ist. In 12 Hotels ersten und zweiten Ranges ist allen Verhältnissen und Wünschen Rechnung getragen. (…) Musterhaft ist die Einrichtung der Pensionen und Logierhäuser und einen wahrhaft vornehmen Eindruck machen die den Fremden zur Verfügung stehenden Wohnhäuser an der prachtvollen Kaiserstraße.“ In den Jahren vor demErsten Welkrieg kamen insgesamt mehr als 40.000 Urlauber nach Norderney. Der Anteil der jüdischen Kurgäste betrug etwa ein Drittel. Das brachte dem Seebad neben Westerland auf Sylt und Heringsdorf auf Usedom den Ruf eines "Judenbades" ein. Norderney blieb jedoch vorerst vom aufkommenden „Bäder-Antisemitismus“ der benachbarten Nordseeinseln, allen voran Borkum, weitgehend verschont.
Der Beginn des Ersten Weltkrieges veränderte das Leben auf der Insel grundlegend, der Fremdenverkehr kam vollständig zum Erliegen. Norderney wurde zu einer Seefestung ausgebaut, in Hafennähe entstand die größte Seeflugstation an der deutschen Nordseeküste. Und eine Marinebahn zum Transport von Munition wurde erbaut, deren letztes Relikt der kleine Bahnhof Stelldichein ist. Nach Kriegsende kehrten die ersten Urlauber zurück, 14.000 waren es im Jahr 1919. Auch das gesellschaftliche Leben an den Stränden und Promenaden, in den Strandhallen und im Konversationshaus fand zurück zu alter Größe.
1931 wurde das Wellenbad als das erste seiner Art eröffnet und zeitgleich entstand ein architektonisches Highlight: Der Kölner Architekt Dominikus Böhm (1880-1955) realisierte auf Norderney mit der Stella Maris-Kirche auf Norderney einen seiner modernsten und spannendsten Entwürfe. Zugleich ließ die Weltwirtschaftskrise die Besucherzahlen stark sinken.
Wie in ganz Deutschland stellte auch auf Norderney die faschistische Machtergreifung 1933 eine Zäsur dar. Fortan versuchte die Tourismusbranche, mit dem Werbespruch “Norderney judenfrei” zu betonen, dass die Zeit des „Judenbads“ vorbei war. Schon seit 1933 hatte es keine Gottesdienste mehr in der Synagoge gegeben. Der Backsteinbau war im Sommer 1938 an einen Eisenwarenhändler verkauft worden und entging dadurch der Zerstörung. 1939 gab es durch viele KdF- Urlauber nochmals eine Rekordsaison mit 48.000 Gästen, doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September wurde Norderney wie schon im Ersten Weltkrieg zum militärischen Sperrgebiet erklärt und zur Seefestung mit Militäreinrichtungen, Bunkern und einem Fliegerhorst, aber auch Kasernen und Wohnsiedlungen ausgebaut.
Nach Kriegsende errichtete die britische Armee ein Sommer-Erholungslager, ein sogenanntes Leave Centre, auf Norderney, und beschlagnahmte Hotels und Pensionen. Ab Ende der 1940er Jahre genehmigte die Militärregierung wieder einen eingeschränkten Kurbetrieb in dem seit 1947 "Staatlich anerkannten Nordseeheilbad“. Doch für Touristen war zunächst kaum Platz auf Norderney, denn viele der Unterkünfte dienten der Unterbringung von Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen. Das "Leave Centre" bestand noch bis 1952, und mit dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre kamen immer mehr Urlauber auf die Nordseeinsel.
Die Art der Übernachtung änderte sich allerdings nach und nach: Während anfangs die Unterkunft in Gästehäusern noch der Standard war, entstanden im Zuge des anhaltenden Touristen-Booms ab den 1960er- und 1970 Jahren neue Appartementhäuser, Ferienwohnungen und Hotels auf Norderney. Sie veränderten das Stadtbild nachhaltig, da sie die alten Bädervillen und Logierhäuser zunehmend verdrängten. Die beiden Hochhäuser in der ehemals mondänen Kaiserstraße bestimmen seither die Silhouette der Insel. Dass diese Bebauung mit Appartementhäusern möglich wurde, war seinerzeit eine bewusste Mehrheitsentscheidung des Rates der Stadt, denn die Entstehung vieler Eigentumswohnungen war verbunden mit der Hoffnung, dass die Insel auch in der Nebensaison belebt bleibe. Dennoch haben mehr als 200 Jahre Badeleben die Insel Norderney geprägt, und viele Fassaden der klassischen Bäderarchitektur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts vergegenwärtigen bis heute das Lebens- und Urlaubsgefühl dieser Zeit. Heute werden mehr als drei Millionen Übernachtungen jährlich registriert. Die zweitgrößte der Ostfriesischen Inseln ist mit fast 6.100 Einwohnern die bevölkerungsreichste, und mehr als 25.000 Urlauberbetten machen sie zum größten Seebad an der niedersächsischen Küste.

