Die ostfriesische Insel Langeoog
Von Birte Rogacki-Thiemann
Die „lange Insel“ – ostfriesisch „Lange Oog“ – hat eine Ausdehnung von 12 Kilometern und ist damit nach Juist und Norderney eigentlich nur die drittlängste Insel Ostfrieslands, und mit einer Fläche von knapp 20 Quadratkilometren übrigens auch die drittgrößte.
Verwaltungstechnisch gehört sie zum Landkreis Wittmund.
Durch die ungewöhnliche Form mit der größten Nord-Süd-Ausdehnung im Westen („Flinthörn“) ist Langeoog unter den ostfriesischen Inseln die einzige, die bisher seeseitig ohne massive Küstenschutzbauwerke auskommt. Auf der Seeseite ist Langeoog nur durch natürliche Dünen, die als Schutzdünen bezeichnet werden, vor den Kräften der Nordsee geschützt. Die Dünen sind über 20 Kilometer lang, sie beginnen im Südwesten am Flinthörn und enden im Osten der Insel am Osterhook.
1949 erhielt die Insel die staatliche Anerkennung als Seeheilbad, dessen Erreichbarkeit schließlich 1976 durch den Ausbau eines tideunabhängigen Hafens stark verbessert wurde. Die Inselbahn Langeoog verbindet den Fährhafen mit dem Ortskern; die Strecke beträgt etwa 2,5 Kilometer. Langeoog ist autofrei.
Historisch gesichert überliefert ist die Insel Langeoog erst Ende des 14. Jahrhunderts: Während der Häuptlingszeit von 1350 bis 1464 gehörten sie zum Herrschaftsgebiet der Familie tom Brok. Im Jahr 1398 übertrug Widzeld tom Brok dem Herzog Albrecht von Bayern, der auch Graf von Holland und Herr von Ostfriesland war, das Lehen über „Langeoch“.
Als erster namentlich bekannter Siedler ist der von 1619 bis 1692 die Insel bewohnende Beyffe Eyben verzeichnet, der erste namentlich erwähnte Inselvogt war Melchior Edden Garmer. Im Jahr 1630 umfasste sein Obrigkeitsgebiet sieben Haushaltungen mit 35 Bewohnern. Die so genannte „Petriflut“ 1651 führte zu einem Inseldurchbruch und im Zeitraum bis 1700 musste das Dorf auf Langeoog mehrfach infolge Sandflugs verlagert werden. So wurde im Osten der Insel 1666 eine Kirche errichtet und auch für die Jahre 1702 bis 1706 wird von einem Kirchbau und der Errichtung eines Ostdorfs in der Nähe der Melkhörndünen berichtet. Von diesen frühen Bauten ist nichts erhalten geblieben. Die große Weihnachtsflut 1717 riss die Insel endgültig in zwei Teile. Kirche und Pfarrhaus wurden zerstört, das zu diesem Zeitpunkt im Westteil der Insel befindliche Dorf beschädigt und Langeoog erst in den 1730er Jahren wieder dauerhaft besiedelt. Für das Jahr 1777 wurden neben einer Einwohnerzahl von 39 auch 129 Nutztiere (82 Schafe, 23 Kühe, 19 Kälber und 5 Pferde) auf der Insel registriert. Eine 1805 angefertigte Karte von Langeoog zeigt die Teilung der Insel, von der auch der Chronist Friedrich Arends 1824 berichtet: „Die Insel Langeoog liegt beinah 2 Stunden von der Küste entfernt, jedoch in zwei Theile zerrissen, die nur bei Ebbezeit zusammenhängen [...]. Sie zählt nur 45 Einwohner, wovon einige auf dem östlichen Theil, dem Ostende wohnen, die anderen auf Westerende, welche aber bald ihre Häuser nach jenem Theil versetzen müssen, da die See ihnen ganz nahe ist, und wie bei den anderen Inseln, immerfort an der westlichen Seite Abbruch thut.“ Ihr Leben bestritten die Bewohner durch Fisch- und Walfang. Außerdem wurde Muschelschill (Muschelschalen, die die Meeresströmungen und die Brandung an der Insel ablagerten) für die Herstellung von Kalk abgebaut.
Nur wenig später begann der Badetourismus auf den Inseln, bis heute ist dies auch der Haupterwerbszweig Langeoogs. 1830 wurde der Auricher Amtsrichter Albert Wilhelm von Vangerow der erste offizielle Badegast und ab diesem Jahr bestand auch erstmals eine regelmäßige Fährverbindung zum Festland, Anlaufhäfen am Festland waren Bensersiel und Westeraccumersiel. Auch aus der frühen Zeit des Bädertourismus sind kaum bauliche Reste überkommen. Eines der ältesten Häuser ist das um 1800 errichtete Wohn-/Wirtschaftsgebäude an der Mittelstraße 18, das heute als Heimatmuseum genutzt wird.
Die Steigerung der Gästezahlen ging zunächst langsam voran (1851: 100 Badegäste). 1863 wurde das erste Gasthaus auf der Insel („Zum Fürsten Schaumburg-Lippe“) errichtet, 1884 folgte das Hotel Ahrenholtz (später „Hotel Flörke“). 1885 wurde schließlich das Langeooger Inselhospiz' errichtet, welches maßgeblich zum Inseltourismus beitrug. Einige wenige Gästehäuser der Zeit um 1900 sind uns als Denkmale bis heute überkommen, so z.B. Haus Sommerfeld und das Böttcher-Hus. Auch die evangelische Inselkirche entstand Ende des 19. Jahrhunderts: Fünf Jahre nach der Eröffnung des Inselhospizes konnte die damalige Kirche die stetig steigende Anzahl von Kurgästen auf Langeoog nicht mehr aufnehmen. Es entstand der bis heute genutzte neugotische Bau mit dem markanten, 24,5 Meter hohen Glockenturm.
Das Wahrzeichen von Langeoog, der nach einer schweren Sturmflut von 1906 zwischen 1908 und 1909 errichtete Wasserturm, entstand im Reformstil, auch die Bauten des zugehörigen Wasserwerks (Einstellung des Betriebs 1992/96) und das Zollhaus sind ähnlich gestaltet. Bei Fertigstellung der Wasserversorgung 1909 wurden 90 Hausanschlüsse gezählt.
Grundlegende strukturelle und sozioökonomische Veränderungen auf Langeoog, die sich auch im Denkmalbestand abbilden, geschahen in der NS-Zeit, insbesondere durch den Ausbau eines Luftwaffenstützpunktes auf der Insel. Bereits in den 1930er Jahren gab es sommerliche Zeltlager der Hitlerjugend auf der Insel, die auch eine paramilitärische Grundausbildung umfassten. Die Anlage von zwei großen Wohnsiedlungen 1936 (Siedlung Blumental) und 1939 (Heerenhus-Siedlung) schufen zusätzlichen Wohnraum für die Familien der Luftwaffenangehörigen. 1937 wurde durch eine große Landgewinnungsaktion im Südwesten der Insel ein 150 Hektar großes Gebiet geschaffen, um dort einen Flugplatz zu bauen, der allerdings bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht fertiggestellt wurde und dessen Überreste heute im Inselwäldchen liegen. Aufgrund der militärischen Bedeutung wurde Langeoog auch mehrmals von den Alliierten angegriffen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden verschiedene Kriegsgefangene (v.a. Franzosen und Russen) nach Langeoog verbracht, die Zwangsarbeit für die Bauten der Luftwaffe, im Bunker- und Flakstellungsbau und im Straßenbau leisten mussten. Eine Gedenkstätte auf dem Dünenfriedhof Langeoog erinnert heute an deren Schicksal. Aus der NS-Zeit stammen auch mehrere Deiche, die im Süden der Insel angelegt wurden, so der 1932/1933 errichtete Polderdeich, der etwa 5,5 Kilometer lange Sommerdeich von 1935/35, der ein 218 ha großes Salzwiesenareal vom Wattenmeer abtrennte sowie der zwischen 1937 und 1944 errichtete Flinthörndeich. Ab 1936 erfolgte die Umstellung der Pferdebahn auf Diesel, deren Inbetriebnahme 1937 erfolgte. Seitdem endet die Inselbahn am südlichen Ortsrand im heutigen Inselbahnhof. Auf dessen Nordseite befindet sich museal präsentiert die 1937 gebaute historische Diesellokomotive (1982 außer Dienst gestellt). Auch der Hafen ist in seiner Bausubstanz zwischen 1937 und 1941 entstanden. Das Langeooger Rathaus stammt von 1938.
Ein typisches Denkmal der Nordsee ist das ehemalige Motorrettungsboot „Langeoog“, das sich von der In-Dienst-Stellung 1945 bis Juli 1980 im Einsatz befand und seit 1980 auf Langeoog museal ausgestellt ist.
Für die nach Kriegsende nach Langeoog gekommenen über 300 baltischen Flüchtlinge eines Altersheims in Schwetz/Weichsel gibt es auf dem Inselfriedhof eine eigene Gedenkstätte, für weitere Zugezogene wurde 1962 als zweites Kirchengebäude der Insel die katholische Nikolauskirche errichtet.
Knapp 50 Baudenkmale besitzt die Insel Langeoog und eine bewegte und spannende Geschichte – die einen Besuch lohnenswert machen.
Zum Weiterlesen:
Jörg Echternkamp: Langeoog – Biographie einer deutschen Insel, Berlin/Boston 2024 (Band 1: Das Nordseebad zwischen Monarchie und Republik; Band 2: Tourismus und Nationalsozialismus, 1933–1939)

