Gebietsfreischaltung in der Bau- und Kunstdenkmalpflege: Der Landkreis Northeim
Der Kreis Northeim wurde zum 1. April 1885 aus den Städten Moringen und Northeim, dem Amt Northeim sowie fünf Gemeinden des Amtes Osterode (Berka, Duhm, Gillersheim, Suterode, Wachenhausen) gegründet und 1932 um den Kreis Uslar erweitert. 1974 kam der gesamte Altkreis Einbeck hinzu. Seine bis heute erhaltene Gestalt erlangte der Landkreis durch die Verwaltungs- und Gebietsreform im Jahre 1977, wobei die Gemeinden Bad Gandersheim, Kalefeld und Kreiensen eingemeindet wurden.
Geografisch liegt der Landkreis Northeim im Südosten von Niederdachsen. Im Nordosten grenzt er an die westlichen Ausläufer des Harzes an, während der mittlere Bereich durch die Tal- und Beckenlandschaft des breiten Leinegrabens und der Moringer Mulde mit den Städten Northeim, Moringen und Nörten-Hardenberg charakterisiert ist. Im Südwesten wird die Region von der Weser begrenzt, hier liegt das Buntsandsteinmassiv Solling. Die Gewinnung und die Verarbeitung des Sandsteins aus dem Solling lassen sich bis zum 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Sollinger Naturstein ist prägend für die vielen Fachwerkstädte und Dörfer der Region. Das Material konnte sowohl als Mauerstein als auch wie Schiefer zu Platten gespalten werden. Es entstanden Sandsteinplatten zur Dachdeckung, Behangplatten als Witterungsschutz von Hausfassaden und dickere Platten, die als Bodenbelag in den Wohnhäusern und Ställen Verwendung fanden. Heute ist ihre Existenz stark gefährdet und immer seltener anzutreffen.
Als ländliche Haus- und Hofform mit der unter einem Dach vereinten Wohn- und Wirtschaftsnutzung überwiegt der mitteldeutsche Bauernhaustyp. Die quer, von der Straßen- bzw. Hofseite erschlossenen Wohn- und Wirtschaftsgebäude sind streckhofartig angeordnet, mehrheitlich in Stockwerksbauweise errichtet und weisen eine räumliche Querteilung auf, bei der Wohn- und Wirtschaftsteil voneinander getrennt sind. Der mitteldeutsche Haustyp ist vor allem östlich des Sollings anzutreffen, während der niederdeutsche Haustyp - das Längsdielenhaus - als typische Form des Oberwesergebietes noch im Westen des Landkreises überkommen ist. Die charakteristische Hausform des Weserberglandes gilt als Sonderform des niederdeutschen Hallenhauses. Sie sind mit ihrer Giebelseite zur Straße hin ausgerichtet und werden längs durch eine giebelseitige Längseinfahrt erschlossen.
Die Region um Uslar befindet sich zudem im Überschneidungsgebiet des längserschlossenen niederdeutschen Hallenhauses und des quererschlossenen mitteldeutschen Haustyps, sodass Sonderformen entstanden, die eine Mischung beider Haustypen, das sogenannte Querdielenhaus, hervorgebracht haben. Charakterisiert sind diese Bauernhäuser durch sehr hohe befahrbare Wirtschaftsdielen von der hofseitigen Traufseite her, die den Wohn- vom Wirtschaftsteil funktional und optisch klar voneinander trennen.
Der ältere Geschossständerbau, bei dem die Ständer über die gesamte Höhe der Fassade verlaufen, ist gegenüber dem jüngeren stockwerksweise abgezimmerten Fachwerkbau nur noch selten anzutreffen. Herausragende Beispiele für den Hausbestand vor dem Dreißigjährigen Krieg finden sich noch in Beulshausen von 1616 (d) und in Kammerborn, dessen Dreiständer-Hallenhaus laut dendrologischer Untersuchungen in das Jahr 1552 einzuordnen ist.
Wie auch in anderen Teilen in Niedersachsen prägen große historische Güter und ehemalige Amtshöfe den ländlichen Bereich. Eng verbunden mit der Geschichte Oldershausen ist das ansässige Gut. Als Wahrzeichen des Ortes gilt das neugotische Schloss, was immer mehr dem Verfall preisgegeben ist. Südlich des Parkrands entstand die großräumige dazugehörige Gutsanlage Oldershausen, deren bauliche Anlagen, überwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammend, und das barocke ehemalige Amtshaus aus dem Jahr 1781 den Ort noch heute maßgeblich prägen.
Im Rahmen der mittelalterlichen Wüstungsforschung konnte in der Region eine auffällige Häufung von wehrhaften Bauten sowohl im Sakral- als auch im Profanbau nachgewiesen werden. Es handelt sich meist um mittelalterliche Steinbauten, die als Wohn- oder Wehrtürme entstanden, in einigen Fällen aber auch bereits als Turmkirchen, als Eigenkirchen adeliger Sitze. Erhaltene Türme, die als Zufluchtsort und als Speicher von Saatgut zum Schutz vor Bränden oder Bedrohungen von außen dienten, wurden dann später in nicht wenigen Fällen gänzlich oder Reste von ihnen in die neuen Kirchenbauten integriert und übernahmen die Funktion des Glockenturms. Diese sogenannten Wehrkirchen und -kapellen sind über den gesamten Landkreis verteilt.
Neben den Stadt- und Dorfkirchen, die mit ihren hohen Turmwerken weithin in die Ortsbilder hineinwirken, besitzt der Landkreis Northeim auch Klosterkirchen, die meist in mehrgliederige Klosteranlagen eingebunden waren. Die romanische Klosterkirche St. Blasius in Fredelsloh, eine ehemalige, 1132 begonnene Augustinerchorherren-Stiftskirche sowie die um 1230 errichtete Kirche St. Marien des ehemaligen Zisterzienser-Nonnenklosters in Wiebrechtshausen sind architektonische herausragende Kirchenbauten im Kreisgebiet.
Im Landkreis bekannt sind zwei Synagogen: Ein eigens für die jüdische Gemeinde errichteter Bau befindet sich in Einbeck und wurde 2007 umfassend saniert. Eine zweite Synagoge verbarg sich unscheinbar in einer Seitenstraße im Innenstadtbereich von Moringen, errichtet 1838 als schlichter Fachwerkbau, welcher ursprünglich einen Saalbau mit hohen Rundbogenfenstern besaß und heute durch zahlreiche Umbauten seine ursprüngliche charakteristische Gestalt ländlicher Synagogenbauten verloren hat.
Der am östlichen Sollingrand gelegene Ort Fredelsloh ist nicht nur wegen der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Klosterkirche bedeutend, sondern auch als Künstler- und Töpferdorf überregional bekannt. Schon seit dem Mittelalter wurde hier der Ton abgebaut und verarbeitet, das Töpfergewerbe diente als Haupterwerbsquelle des Ortes, was dem reichen Tonvorkommen in der Region zu verdanken war. Durch die Ansiedlung von Töpfern an diesem Ort bildete sich über die Jahrhunderte weg eine gewisse Kunstfertigkeit aus, die für die Fredelsloher Keramik typisch ist. Noch im frühen 20. Jahrhundert wurden am südlichen Ortsrand eine Ziegelei und Blumentöpferei errichtet, die als Beispiel der noch weit nach Beginn der Industrialisierung angesiedelten Betriebe außerhalb des historischen Ortskerns zählt.
Die Stadt Northeim bildet wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung und aufgrund des Reichtums ihres Denkmalbestandes einen besonderen Schwerpunkt. Innerhalb der Northeimer Altstadt, die zum größten Teil von einem Ring der mittelalterlichen Befestigung umschlossen wird, befinden sich noch immer geschlossene Straßenzüge mit Fachwerkbürgerhäusern aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts. Bürgerhäuser mit prachtvollen Schmuckfassaden aus der Zeit bis vor den Dreißigjährigen Krieges sind jedoch nur noch vereinzelt in der Altstadt anzutreffen, wobei das Haus am Entenmarkt beispielhaft für die weiteren, noch erhaltenen regional- und zeittypischen Bürgerhäuser als frühe Ständergeschossbauten aus dem 15. und 16. Jahrhundert mit Speicherstock und gotischem, spitzbogigem Türgewände steht. Die Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg und die verheerenden Feuersbrünste im 19. Jahrhundert, die die prächtigen Wohnhäuser vernichteten, veränderten das bauliche Gefüge und das historische Stadtbild von Northeim. Der erste Wiederaufbau im 18. Jahrhundert brachte zeittypische und konstruktiv gestalterische Fachwerkwohnhäuser hervor. Die zweite Wiederaufbauphase nach den Bränden 1832 und 1892 betraf hauptsächlich das Areal um den Markt. Die westliche Marktseite wurde zuerst wiedererrichtet, dreigeschossige Fachwerkbauten mit streng gegliederten Fassaden stehen den neueren Häusern der östlichen Marktplatzseite gegenüber, die bewusst mit der traditionellen Fachwerkbauweise brechen und als massive Bauten mit historisierenden Fassaden errichtet wurden.
Neben Bad Gandersheim und Nörten-Hardenberg, die ebenso eine reiche Fachwerkvielfalt im Zentrum ihres Ortes aufweisen, ist die Stadt Einbeck, die als einwohnerreichste Stadt des Landkreises gilt, aufgrund der Fülle und Dichte des historischen Baubestands ein bedeutendes Stadtdenkmal. Ihr ist eine eigene Denkmaltopographie gewidmet und auch die Qualifizierung für den Denkmalatlas ist aufgrund der Größe des Denkmalbestandes zu einem späteren Zeitpunkt vorgesehen. Denn alleine innerhalb der historischen Stadtbefestigung, der Kernstadt von Einbeck, zählt man rund 800 Hausstellen. Neben der Stadtbefestigung, den zahlreichen Kirchen, dem Rathaus und der Ratswaage sind es vor allem die Bürgerhäuser, die mit ihren reich verzierten Fassaden das Stadtbild prägen. Als ein herausragendes Beispiel zählt das Eickesche Haus, ein stattliches Wohnhaus, welches 1612 bis 1614 mit Stilmerkmalen der Spätrenaissance errichtet wurde.
Im gesamten Landkreis, der von einer hügeligen Landschaft mit Höhenzügen und Bergkuppen durchzogen ist, verteilen sich viele historische Burgreste, Burgen und Burganlagen. Die Burgruine Hardenberg erhebt sich auf einem abfallenden Felsmassiv östlich des Ortes Nörten-Hardenberg, eine ehemalige Doppelburg aus dem 11. Jahrhundert, von der heute nur noch Reste erhalten geblieben sind. Von der Burg Hardegsen ist das sogenannte Muthaus, ein hochgotischer Werksteinbau aus dem Jahr 1324 von besonderer Bedeutung. Es handelt sich dabei nicht (wie zuvor oft angenommen) um einen Speicherbau, sondern um einen stattlichen, turmartigen Wohnbau der ehemaligen Burg, der in bemerkenswerter Qualität samt historischer Ausstattungselemente erhalten ist. Die Katlenburg ist eine ehemalige Burg- und Klosteranlage im Ortsteil Katlenburg, die im 11. Jahrhundert als Spornburg entstand und deren Anlage in ihrer wechselhaften Geschichte die längste Zeit ein Kloster und Sitz einer landwirtschaftlichen Domäne war.
Als technikgeschichtliches Denkmal und eng mit der Eisenbahngeschichte in Niedersachsen verbunden ist das Luhetal-Viadukt bei Greene zu nennen. Die beeindruckende Gewölbebrücke mit ihren prägnanten hohen Halbkreisgewölben unterhalb der Greener Burg ist 31m hoch und wurde in den Jahren 1862 bis 1864 im Zuge der ersten Eisenbahnlinie des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg über Kreiensen bis hin an die Weser im Westen des Landkreises errichtet.
Ein Besuch im Landkreis Northeim ist somit immer ein lohnenswertes Erlebnis!
Zum Weiterlesen:
Das Muthaus der Burg Hardegsen im Denkmalatlas Niedersachsen

